In meinem Buch „Diagnose Krebs- und nun?“ gehe ich auf das Gedankengut der Salutogenese ein. Diese Sichtweise auf Krankheit, die nicht nach den Ursachen von Krankheit forscht, sondern nach den Ursachen von Gesundheit, hilft einen positiven Blick auf den Genesungsprozess zu gewinnen.

Ich möchte heute auf den ersten Schritt dieses Prozesses, die Verstehbarkeit, eingehen. Die weiteren Schritte werden dann in loser Folge hier erscheinen. Näheres auch in meinem Buch, das ich hier auszugsweise vorstelle:

„Salus ist der lateinische Begriff für Heil und die Genesis ist uns ja als Schöpfungsgeschichte in der Bibel bekannt. Hier geht es also um die Fragen woraus sich Heil schöpfen kann. Ein wesentlicher Vertreter, Aaron Antonovsky, hat Überlebende von Konzentrationslagern befragt, wie sie mit den Erlebnissen dort umgegangen sind. Er erkannte, dass diejenigen, die an der Tatsache, dass viele Verwandte und Freunde in den Lagern den Tod fanden, innerlich zerbrochen sind, relativ schnell ebenfalls verstarben, oder ihr Leben als sinnlos beschrieben und damit nichts mehr aus diesem machten. Andere allerdings, die auch aus diesen katastrophalen Ereignissen mit einem Gefühl der Dankbarkeit für das Überleben herauskamen und in Ihrem Überleben einen Sinn sahen, haben relativ lange überlebt und auch nochmals ein sinnhaftes Leben aufbauen können. Er reduzierte seine Erkenntnisse auf die Kohärenz von 3 wesentlichen Faktoren: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit.

Für Ihren eigenen Genesungsprozess heißt dies also, dass es wichtig wäre, zu erkennen, dass Ihre Krankheit nicht ein zufälliges Ereignis ist, sondern aus Ihrem Leben heraus verstehbar wird. Das heißt, wie es auch in allen Weisheitsbüchern zu lesen ist, Ihre Krankheit kommt nicht von ungefähr, sondern hat speziell mit Ihrem Leben und der Art und Weise wie Sie es leben  zu tun. Du erntest, was Du säst.

Zu Beginn klingt das befremdlich. Ich soll daran schuld sein, dass ich erkrankte? Die meisten von uns würden das weit von sich weisen, denn für meine Krankheit bin ich doch nicht verantwortlich. Leichter fällt uns die Verantwortlichkeit bei unserem Auto erkennen. Wenn ich kein Benzin einfülle, dann wird es stehenbleiben, wenn ich falsches Benzin, z.B. Diesel einfülle, wird es stehen bleiben. Wenn ich kein Öl oder falsches Öl benutze wird es irgendwann stehen bleiben u.s.w. Um wie viel komplizierter ist natürlich der Mechanismus unseres Körpers. Viele Dinge können die Zellen unseres Körpers schädigen. Ganz besonders schädigt Stress das Immun-system, das wir natürlich benötigen, um die in unserem Körper immer vorkommenden Krebszellen im Schach zu halten.

Verstehbarkeit bedeutet in diesem Zusammenhang, die Erkenntnis, dass Sie Ihren Körper und damit natürlich auch Ihre Seele oftmals überfordert haben, nicht rechtzeitig Schluß gemacht, nicht nein gesagt oder einfach die Signale Ihres Körpers nach einer Erholungspause nicht anerkannt haben. Jetzt wird es darum gehen sich darüber klar zu werden, dass Ihre Erkrankung unter anderem auch ein Resultat aus dieser schlechten Abgrenzung ist.

Bitte schieben Sie nicht andere Gründe, wie etwa Genetik oder Zufall vor, denn dann vergeben Sie sich die Chance der Verstehbarkeit. Dann wäre Ihre Erkrankung eine Laune der Natur oder die Schuld Ihrer Eltern, die sie mit solch belastetem Erbgut versehen haben. Glücklicherweise haben die Genforscher inzwischen allerdings auch festgestellt, dass Gene zwar bestimmte Merkmale tragen, diese sich allerdings nicht zwingend ausprägen müssen. Es müssen nach diesen Erkenntnissen immer auch äußere Faktoren hinzukommen, die dann das genetische Programm auslösen. Der Unsinn, dass jungen Frauen sicherheitshalber die Brüste amputiert werden, deren Mütter an Brustkrebs erkrankten, ist meines Erachtens nur geschäftstüchtigen Gehirnen entsprungen. Also lassen Sie sich auch hier keine Angst einjagen, denn letztendlich ist es genau diese, die bewirkt, dass Ihr Immunsystem einen Schlag abbekommt und nicht mehr in der Lage ist, Krebszellen im Schach zu halten.

Eine weitere Ebene der Verstehbarkeit wird wahrscheinlich erst nach einer gewissen Zeit entstehen können. Im Rückblick auf Ihr Leben vor der Diagnose werden Sie erkennen, dass die Erkrankung eine Zäsur in Ihr Leben setzte. Viele Patienten ergriffen die Chance dieses Lebenseinschnittes als Möglichkeit Ihr Leben sinnvoll zu verändern. Neue wesentliche Aspekte wurden in das Leben nach der Diagnose integriert und damit oftmals eine neue bewußtere Lebensweise. Das Verständnis darüber, dass Krankheit damit ein Weg zum Heilwerden sein kann wurde vertieft. In manchen Fällen hörte ich die Formulierung, dass die Erkrankung als Geschenk angesehen wurde. Diese Haltung kann meines Erachtens erst nach einer gewissen Zeit gefunden werden, denn sie setzt eine Aussöhnung und eine starke innere Eigenarbeit voraus.

Wenn Sie also verstanden haben, dass Ihr Tun Ihr Schicksal bestimmt, dann geht es beim nächsten Schritt in der Salutogenese darum , die Handhabbarkeit in Ihr Leben einzuladen. Wenn für uns etwas handhabbar ist, dann haben wir die Fähigkeit, gut damit umzugehen, konstruktiv und lebensförderlich.“

TIPP: Nehmen Sie sich die Zeit und fangen Sie an, eine Biografie zu schreiben. Markieren Sie wichtige Punkte in Ihrem Leben, die Sie aus der Sicht von heute vielleicht verändern würden. Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus diesen Meilensteinen ihres Lebens? Was werden Sie heute aus diesen Erkenntnissen heraus neu entscheiden? Entwickeln Sie Dankbarkeit für diese wichtigen Lektionen des Lebens, die Ihnen heute zum Lernen dienen können! Alles hat seinen Sinn!